Der 22 Jahre alte Eishockey- und Inlinhockeyspieler testet die neue Sportart vor 70 000 Zuschauern in München. (Hamburger Abendblatt 21.01.2010)

Lüneburg. "Red Bull Crashed Ice World Championship" - das klingt cool. Was dahinter steckt, davon hatte Sascha Fitzner keine genaue Vorstellung. Als der 22 Jahre alte Eishockey-Spieler des Adendorfer EC das erste Mal eine Aufforderung zum Mitmachen in Händen hielt, ahnte er nicht, dass er sich vor fast 70 000 Menschen in dieses neue sportliche Abenteuer stürzen würde. "Als erstes habe ich mir auf Youtube Videofilme von ersten Rennen angesehen", erzählt Fitzner, "das sieht spektakulär aus. Dabei waren auch kräftige Rempeleien und Stürze. Und doch habe ich gedacht, das ist ein harmloser Spaß. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus."

 

Jetzt stand der junge Sportler, der bei den "Salt City Boars Lüneburg" auch Inlinehockey in der Bundesliga spielt, im Münchner Olympiapark das erste Mal in seinem Leben ganz oben an der Startrampe. "Als ich auf das erste, ekelhaft steile Anlaufstück sah und man nicht einmal erkennen konnte, wie es hinter der ersten Kurve weiter geht, da habe ich nur gedacht: Da jetzt runter, das ist doch verrückt. Es war auch wirklich viel schlimmer, als ich mir das vorgestellt hatte."

Aber jetzt für alle, die keine Vorstellungen von dieser neuen Wintersportdisziplin haben, die sich "Ice Cross Downhill" nennt: Der "Hill", der Hügel, ist ein Holz- und Stahlgerüst, das sich in München 15 Meter hoch in den Himmel streckt. Von dort oben wird eine künstliche Eisbahn, insgesamt 386 Meter lang und mit Kuppeln und engsten Kurven gefährlich gemacht, nach unten geführt. Vier Ice Crosser stehen oben am Start. Sie tragen die komplette Schutzkleidung wie Eishockey-Spieler mit Schutzhelm und mit Schlittschuhen an den Füßen. Wenn sie sich gleichzeitig in die Eisbahn stürzen, kann es zu spektakulären Rempeleien kommen.

"Diese Kombination aus Eishockey, Boardercross und Ski-Downhill", so verkünden die PR-Trommler von der österreichischen Getränkemarke Red Bull, "ist die Sportart des neuen Jahrtausends." In Moskau und in Prag, im Schweizer Lausanne und im kanadischen Quebec sahen 2009 bis zu 90 000 Zuschauer zu. Fürs erste Spektakel direkt neben dem Münchner Olympiastadion konnte sich jeder Mutige bewerben. "Wir sind dann allerdings auf einer Eisbahn getestet worden", erzählt Fitzner. "Ich bin im November dafür in Berlin gewesen. Wir mussten in voller Eishockey-Montur um Pilonen herumflitzen. Unter 25 Bewerben bin ich dort Erster geworden." Damit hatte der Lüneburger, der seit frühester Kindheit Eishockey spielt, die Fahrkarte nach München in der Tasche.

Dort traten 100 bereits etwas erfahrene aber auch völlig unbedarfte Ice Crosser wie Sascha Fitzner gegeneinander an. Die Teilnehmer waren aus ganz Europa und auch aus den USA und Kanada angereist. Die 32 Schnellsten von ihnen werden am 20 März in Quebec um den ersten Weltmeistertitel kämpfen. Beim freien Training am Freitag durften sich die Teilnehmer noch allein in dieses sportliche Abenteuer stürzen. "Da bin ich unter den 100 Konkurrenten mit meiner Zeit auf Platz 29 gelandet", berichtet der Auszubildende in einer Kfz-Werkstatt. "Dadurch hatte ich mich für die eigentlichen Wettrennen am Sonnabend qualifiziert." Und dann stand Fitzner ganz oben, neben einem Schweizer, einem Holländer und einem Amerikaner. Unter ihnen, dicht gedrängt und voller Erwartung und Staunen, ein unübersehbarer Wall von Menschen. Fast 70 000 sollen es gewesen sein, die bei dieser nationalen Premiere einer ganz neuen Sportart dabei sein wollten.

"Oben, im Steilhang habe ich Tempo gemacht", berichtet Fitzner, "ich hatte die drei schon hinter mir. Ich muss lange in Führung gelegen haben. Dann, für einen kurzen Augenblick, spürte ich eine Rille im Eis, musste Tempo wegnehmen. Sofort schossen zwei an mir vorbei, dann auch noch der Dritte." Damit war der Lüneburger aus dem Rennen. Nur die beiden ersten hatten sich für die nächste Schussfahrt qualifiziert. Da auch die schnellste Trainingszeit dazu addiert wurde, beendete Fitzner seine Premiere im "Ice Cross Downhill" auf Platz 35 unter 100 Teilnehmern. Damit allerdings verfehlte er um drei Plätze die Qualifikation zur ersten Weltmeisterschaft in Kanada. "Aber vielleicht sagen ein paar ab", war sein Trost auf der Heimfahrt, "dann bin ich am 20. März in Quebec doch dabei."